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Die Süddeutsche Zeitung hat in der Wochenendausgabe vom 4. November einen schönen Artikel veröffentlicht. Christine Montag geht hier  der Frage nach, ob die vom Aussterben bedrohte Handschrift noch zu retten ist und inwieweit Handgeschriebenes im Zeichen von Smartphones und Tablets denn überhaupt noch zeitgemäß sei. Nun, diese Frage muss natürlich jeder für sich beantworten, es gibt keinen Zeitgeist für das Schreiben. Der richtige Zeitpunkt kommt und damit auch die Beantwortung der Frage,  soll ich lieber mit der Hand einen Brief schreiben, anstatt wie früher die Schreibmaschine oder wie heute den Computer zu benutzen  zu nutzen. Schreiben hat immer Konjunktur, nur schreibt darüber niemand. Schreiben ist Ausdruck unserer Persönlichkeit und wer die Chance hat, seine individuelle Handschrift mit einem guten Schreibgerät zu perfektionieren, der sollte dies auch machen, täglich und mehrmals. Wenn nicht, dann bleibt vielleicht nur noch der Daumenabdruck als Stilmittel, anstelle des schwungvoll geschrieben Namens.

Schreiben bereichert, entspannt, ist Stilmittel und einfach schön. Daher kommt ja auch der Begriff „Kalligraphie“ – die Kunst des „Schönschreiben“. Mein Rat, einfach mal ausprobieren und das Schreiben wieder üben.

John Woods hat meiner Großmutter Ellen täglich geschrieben. Für ihn war das Schreiben Ausdruck seiner Liebe, auch ein schöner Gedanke.

Herzlichst Ihr Bernd Falkenburg

ellenwoods

Schreib mal wieder!

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4. November 2016, 19:07 Uh

Handschrift von Markt Twain, geschrieben mit dem Conklin Füller.

Nach Malbüchern für Erwachsene kommen jetzt Schönschreibhefte. Die wirken nicht nur entschleunigend, sondern retten vielleicht auch die vom Aussterben bedrohte Handschrift.

Von Christine Mortag

Man hätte es kaum für möglich gehalten, aber tatsächlich haben sich auf einmal Millionen erwachsene Menschen in ihrer Freizeit an den Küchentisch gesetzt und das gemacht, womit sich sonst nur kleine Kinder beschäftigen: Innerhalb vorgegebener schwarzer Konturen malten sie Zaubergärten, Märchenwälder, fantastische Ozeane und Blumenmeere bunt aus. Malbücher für Erwachsene waren eine der erstaunlichsten Erfolgsgeschichten der letzten Jahre. Als die Verlage dann noch auf die glorreiche Idee kamen, die Bücher zusätzlich als meditatives Anti-Stress-Mittel anzupreisen, gingen die Umsätze durch die Decke und machten die Engländerin Johanna Basford, Wegbereiterin des Trends, von der zuvor völlig unbekannten Illustratorin zur Multimillionärin.

Doch spätestens seit Malbücher mit Titeln wie „Entspann dich endlich, verdammte Scheiße!“ auf dem Markt sind, ist klar: Der Peak ist erreicht, es muss dringend ein neuer kontemplativer Zeitvertreib her. Bleibt man im oben genannten Kindchenschema, müsste nach dem Ausmalen als nächster Entwicklungsschritt das Schreiben dran sein. Genauso ist es auch.

Momentan erscheinen immer mehr Bücher, die zum Beispiel „Schriftenzauber“ (Ars Edition) heißen und in denen einem gezeigt wird, wie man kunstvoll schreibt oder Buchstaben, Wörter und Sinnsprüche in unterschiedlicher Typografie von Hand gestaltet. Nun hört sich „mit der Hand schreiben“ nicht gerade nach Verkaufsschlager an, also hat man mal wieder einen Begriff aus dem Englischen domestiziert und nennt das Ganze lieber „Handlettering“. Die Bloggerszene hat längst schon wieder ihre Handlettering-Koryphäen auserkoren (in Deutschland ist das etwa Tanja Cappell alias Frau Hölle aus dem oberbayerischen Ebenhausen) und ruft regelmäßig zu Handlettering-Challenges auf. Die Ergebnisse werden dann, klar, gepostet.

Trotzdem oder gerade deswegen: In Zeiten exzessiver Social-Media-Tipperei, in denen Kommunikation fast nur noch digital abläuft, gibt es offenbar eine Renaissance des Handgeschriebenen. Buchtitel, vor allem bei Kochbüchern, scheinen kaum noch ohne Schreibschrift auszukommen. Das Kaschmir-Label Brunello Cucinelli wirbt auf einer Anzeige aktuell nicht etwa mit seiner neuesten Kollektion, sondern mit dem Abdruck einer mittelalterlichen Handschrift von1331. Das nach zehn Jahren reanimierte Frauenmagazin Allegra versieht die Textseiten mit handschriftlichen Passagen, ganz so, als habe man selbst Anmerkungen dazwischengekritzelt. Dumm nur, dass die Schrift extrem unleserlich ist.

Wer will, kann seine eigene Handschrift inzwischen in Handlettering-Workshops verbessern. In fast jeder größeren Stadt werden sie angeboten, auch von der Hamburgerin Chris Campe. „Bei mir geht es zwar vor allem um die Gestaltung von Buchstaben und dekoratives Schreiben. Aber wenn jemand überhaupt mal wieder etwas mit der Hand zu Papier bringt, verändert sich über kurz oder lang auch das eigene Schriftbild,“ sagt sie. Die Grafikerin und Illustratorin hat sich erst vor knapp zwei Jahren mit ihrem Designbüro All Things Letters selbständig gemacht und seitdem „mit allem, was aus Schrift besteht, richtig gut zu tun“. Verlage, Werbeagenturen, Zeitschriften buchen ihre Dienste, im nächsten Frühjahr bringt sie im Haupt Verlag das „Handbuch Handlettering“ heraus. Workshops veranstaltet Chris Campe, weil die Nachfrage so groß war. Wer da kommt? „Menschen, die mal eine schöne Geburtstagskarte selber gestalten wollen, die ein neues Hobby suchen oder die endlich mal wieder etwas von Hand machen wollen.“

Eigentlich kann man es nicht mehr hören, dass zur Zeit alles handgefertigt und selbergemacht sein muss. Aber während man sein Leben auch ganz gut über die Runden bringen kann, ohne jemals ein Brot gebacken oder eine Vase getöpfert zu haben, geht es bei der Handschrift um mehr. Es geht um einen der Grundpfeiler der menschlichen Zivilisation. So zumindest haben Kant und Mirabeau sie bezeichnet. Passt man heutzutage aber nicht auf, kommt sie einem so langsam abhanden.

In Zeiten von Social-Media- Tipperei erlebt das Handgeschriebene eine Renaissance

Das geht schon in der Schule los: Seit diesem Herbst steht in Finnland, im Bildungstext Pisa jahrelang auf den vordersten Plätzen, die klassische Schreibschrift nicht mehr auf dem Lehrplan, dafür aber werden die Schüler in der ersten Klasse schon mit dem Computer vertraut gemacht. Auch in der Schweiz hat sich die Mehrheit der Kantone dafür ausgesprochen, die Schreibschrift komplett abzuschaffen. In Deutschland sieht es nicht viel besser aus: Mütter von Drittklässlern schwören, dass sie das, was in den Schulheften ihrer Kindern steht, nicht mehr entziffern könnten. 83 Prozent der Grundschullehrer bestätigen das. Laut einer Umfrage des Deutschen Lehrerverbands und des Schreibmotorik-Instituts in Heroldsberg beklagen sie, die Handschrift habe sich in den letzten Jahren erheblich verschlechtert. Auf den weiterführenden Schulen wird es noch alarmierender: Da seien die Schüler, kein Witz, kaum noch in der Lage, länger als 30 Minuten am Stück zu schreiben, ohne dass ihnen die Hand schmerzt oder sie sogar Krämpfe bekämen. Als Gründe führten die Lehrer die fortschreitende Digitalisierung und mangelnde Übung an.

Früher war wirklich nicht alles besser, die Handschrift schon. Früher gab es im Zeugnis noch Noten für Schönschrift, heute ist die Sauklaue kein Einzelschicksal mehr, sondern der Normalfall. Für die Erhaltung der Handschrift sprechen aber nicht nur nostalgische Gründe, sondern auch wissenschaftlich belegte. „Untersuchungen zeigen, dass Kinder, die mit der Hand schreiben, eine bessere Koordinationsfähigkeit und Feinmotorik haben. Beim Schreiben werden die Finger in komplexen Bewegungen bewegt, beim Tippen dagegen müssen sie immer nur hoch und runter. Eine völlig stupide Bewegung“, erklärt Silke Heimes, Ärztin und Leiterin des Instituts für kreatives und therapeutisches Schreiben.

Wann schreiben wir überhaupt noch mal was mit der Hand? Der letzte Brief? Muss lange her sein. Bei der Post machen Privatbriefe nur noch fünf Prozent aller verschickten Sendungen aus. Die Zahl ist von 2013, es werden jetzt noch weniger sein. Dabei gibt es kaum bessere Erinnerungs-Trigger ans frühere Ich als über Jahrzehnte aufbewahrte Schreiben von Freunden, Eltern, Verwandten. Ob unsere Kinder stattdessen jemals in die Facebook-Timelines ihrer Freunde gucken werden? Postkarten aus dem Urlaub werden ja höchstens noch von Omis geschrieben, die den Großteil ihres Lebens analog verbracht haben. Tagebücher haben sich weitgehend erledigt, seitdem man seine geheimsten Gedanken lieber auf allen sozialen Kanälen mit der ganzen Welt teilt. Obwohl die Inhalte in einer verstaubten Kiste im Keller wesentlich datensicherer aufgehoben wären.

Bis vor Kurzem gehörte es zum Mindesten an Anstand, wenigstens Beileidsbekundungen mit der Hand zu verfassen und mit der Post zu verschicken. Stirbt heute jemand, bleibt der Briefkasten der Hinterbliebenen leer. Dafür wird auf den Social-Media-Seiten des Verstorbenen wie verrückt gepostet. Als letzte Bastion des Handgeschriebenen bleibt der Einkaufszettel.

Ausgerechnet der Chef von Montblanc sieht das alles wesentlich gelassener. Jérôme Lambert ist überzeugt, dass die Schreibkultur eine Zukunft hat. „Je mehr das Handgeschriebene aus dem Alltag verschwindet, desto mehr wird es zu etwas ganz Besonderem“, sagt er. Wer einen Brief erhält, der fühlt sich wertgeschätzt. Er weiß, da hat sich jemand hingesetzt und Zeit genommen. Eine Nachricht auf dem Computer oder Smartphone ist schnell getippt, schnell gelesen und genauso schnell wieder gelöscht. Bei einem Brief kann man nicht einfach auf ‚delete‘ drücken. Man muss sich vorher Gedanken machen, was man schreiben will. „Die meisten Dinge lassen sich digital erledigen. Wer heute etwas mit der Hand schreibt, macht es nicht, weil er muss, sondern aus Vergnügen.“ Wer etwas gern macht, ist auch eher bereit, dafür Geld auszugeben. Darum produziert Montblanc selbst im digitalen Zeitalter immer noch um die 250 000Füller pro Jahr.

Die deutsche Grande Dame der Schreibkultur hält Handlettering nicht für ein Massenphänomen

Die neue Lust am Schreiben und der Handlettering-Trend hat auch den Schreibwarenläden neuen Aufschwung beschert. Heute heißen sie meist Papeterien. Die Produkte werden nicht mehr wie früher wahllos in überfüllten Regalen angeboten, sondern einzeln zur Schau gestellt und simple Büroklammern wie Designobjekte präsentiert. Ästhetisierung des Alltags nennt man das, wenn Gebrauchsgegenstände derart aufgewertet werden. Der Grafik-Designer Luca Bendandi, in Berlin lebender Italiener, hat daraus das Buch „Schreibwaren“ (im Oktober bei Prestel erschienen) gemacht. Zwei Jahre lang suchte er auf der ganzen Welt in Concept Stores und kleinen Manufakturen nach Utensilien, die sonst oft nur unbeachtet auf den Schreibtischen liegen: Radiergummis, Bleistifte, Hefte. Dinge, so normal, dass sie schon wieder außergewöhnlich sind.

Waltraud Bethges berühmtes Schreibwarengeschäft gibt es nicht erst seit eben, sondern seit 1979. Wer in Hamburg edle Schreibgeräte, handgeschöpfte Karten oder besondere Papiere suchte, ging in ihren kleinen Laden am Eppendorfer Baum (später im ABC-Viertel). Sie ist so etwas wie die deutsche Grande Dame der Schreibkultur. Bei ihr hatte Handgeschriebenes immer Konjunktur, mal mehr, mal weniger, zur Zeit wieder mehr. Für ein Massenphänomen hält sie Handlettering nicht: „Es gab schon immer eine kleine Gruppe kultivierter Menschen, die einen Brief lieber mit der Hand als am Computer schreiben. Und es wird sie auch immer geben.“

Weil es zeitlich bald wieder passt: Sie hat auch schon mal Workshops gegeben, in denen man schöne Weihnachtskarten selber schreiben und gestalten konnte. „Da kamen dann die Damen aus den Elbvororten und brachten als Arbeitsmaterial ihre Werbekulis mit. Die habe ich gleich wieder nach Hause geschickt.“ Wenn schon Handlettering, dann bitte mit Stil.

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